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Plötzlich ist da eine Gestalt, sie dreht sich um. Schwarze Stiefel, Wappen auf der Rüstung und mit roter Feder am Helm: Graf Eberhard I. von Werdenberg soll das sein, Herrscher über Trochtelfingen und Erbauer des Schlosses. Als Bernhard Klingenstein steht »der Graf« im Telefonbuch, er ist Vorsitzender des Geschichts- und Heimatvereins und Stadtführer.
Ins Gewölbe unters Schloss
Seit mehreren Jahren schon zeigt er Schulklassen, Senioren- und Reisegruppen »s'Städtle«. An diesem Nachmittag ist es eine historische Stadtführung mit den Kindern des Trochtelfinger St. Martin-Kindergartens. Ruhig und fasziniert hören sie zu, wenn »der Graf« von der Steinzeit erzählt, als die ersten Menschen in die Gegend kamen, und von den Alemannen, von der »Sippe des Trochtolfs«, die dem Ort wahrscheinlich seinen Namen gaben.
Auf einem großen Wandbild zeigt er, wie sich die Stadt entwickelt hat, wie Stadtmauern entstanden sind und das Schloss gebaut wurde. Über eine steile, niedrige Treppe führt er die Kinder in den Keller, der heute mit Regalen, Tischen und Bürgerwehr-Kisten zugestellt ist. Nur wenige Besucher kommen hierher, in das Gewölbe unter dem Schloss.
Inzwischen sind es über vierzig Führungen im Jahr, durchschnittlich eine pro Woche, die der Geschichts- und Heimatverein veranstaltet. Fritz Eisele und Rudolf Griener sind »die zwei Hauptamtlichen«, wie Bernhard Klingenstein sie nennt. Sie arbeiten dennoch ehrenamtlich, und das schon seit Jahren. Die Nachfrage in den vergangenen Jahren habe »stark zugenommen«, sagen sie. Noch vor ein paar Jahren seien es ein paar wenige Führungen pro Jahr gewesen, »heute sind es bis zu drei in der Woche«.
Viele Gruppen kämen nach einem Alb-Gold-Besuch in die Stadt. Für die Kinder ist es allerdings der Kindergarten-Abschluss.
Sie rennen voraus, »der Graf« kommt kaum hinterher. Im ehemaligen Schlossgarten, heute grüne Wiese, umgeben von dicken Mauern, stehen die Kinder an einem Wachpunkt. Wenige Meter weiter, am »Hohen Turm«, lernen sie die Wasserversorgung der Stadt kennen. An der Bastei, zwischen Henker-Haus und Mühle halten sie an, der Graf zeigt ihnen einen Geheimgang, der früher als Fluchtmöglichkeit durch die dicke Stadtmauer diente und heute mit Bäumen und Büschen zugewachsen ist.
Waschen in der Seckach
Auch Karola Storz, die als Magd verkleidet »den Grafen« begleitet und schon viele Führungen mitgemacht hat, sagt, davon hätte sie noch nichts gehört. »Jedes Mal lernt man etwas Neues.« Häufig kämen die Gruppen, die eine Führung buchen, aus der näheren Umgebung oder sogar aus Trochtelfingen selbst. Der Kindergarten ist schon zum dritten Mal dabei. Es sei wichtig, »dass die Kinder etwas über die Stadt lernen, in der sie leben«, sagt dessen Leiterin Renate Hipp.
Sie ist zufrieden, »die Führungen sind wirklich kindgerecht«. An der Mühle erklärt »der Graf«, was der Zehnte ist. Die Fünf- bis Siebenjährigen sind wie gefesselt, wenn er erzählt. Auch wenn es nur um Steuern und Abgaben geht. »Auf jede Gruppe stellen wir uns individuell ein«, sagt »Graf« Bernhard Klingenstein. Eine gute Stunde, manchmal auch anderthalb oder zwei, dauern die Stadtführungen.
Nach einer dreiviertel Stunde und sieben Stationen gelangen »Graf« und Gefolge bei zwei Waschfrauen an, die im klaren Wasser der Seckach in hölzernen Waschzubern Hemden waschen. Pia Bohler und Hilde Batzer von der ökumenischen Altenbegegnung unterstützen den Heimatverein, die Kinder schauen zu, helfen und lernen, wie anstrengend waschen früher war.
Sie sind beeindruckt, auf dem Weg zum Kindergarten ist »der Graf« umringt von den Mädchen und Buben. »Es macht wirklich sehr viel Spaß«, sagt Klingenstein und meint: »Und wenn sie auch noch etwas gelernt haben, dann hat sich die Stadtführung schon gelohnt.« (GEA)
STADTFÜHRUNGEN
Stadtführungen in Trochtelfingen organisiert der Geschichts- und Heimatverein. Sie finden nur nach Vereinbarung statt und können gebucht werden im Rathaus, Telefon 0 71 24/4 80, bei Bernhard Klingenstein, Telefon 01 71 / 1 21 64,
Bericht der Reutlinger General - Anzeigers vom 05.08.2008
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